Im Januar und Februar sind Atemwegsinfekte in Deutschland regelmäßig ein großes Thema. Im RKI-Sentinel waren in Kalenderwoche 4/2026 bereits 59 % der positiv getesteten Proben Influenza A, dazu kamen 8 % RSV.[^1] Für alle, die trotz laufender Nase noch trainieren wollen, ist das relevant. Und bei EMS erst recht, weil dieses Training kurz ist, aber den Körper trotzdem deutlich belastet.
Was EMS bei einer Erkältung überhaupt bedeutet
EMS steht für Elektromyostimulation. Dabei lösen elektrische Impulse über Elektroden Muskelkontraktionen aus. Im Fitnessbereich wird das meist als Ganzkörpertraining mit Weste oder Anzug eingesetzt. Typisch sind kurze Einheiten von etwa 15 bis 20 Minuten, oft kombiniert mit einfachen Bewegungen wie Kniebeugen, Ausfallschritten oder Halteübungen.[^2]
Genau darin liegt der Knackpunkt: EMS fühlt sich zeitsparend an, ist aber kein lockeres “bisschen Bewegung”. Der Reiz ist intensiv, die Muskulatur arbeitet gleichzeitig an vielen Stellen, und dein Körper muss danach regenerieren. Wenn dein Immunsystem gerade mit einem Infekt beschäftigt ist, ist das keine gute Kombination.
Die kurze Antwort: Bei echter Erkältung meist pausieren
Wenn du nur kurz müde bist, aber keinerlei Symptome hast, ist Training eine andere Frage. Sobald aber typische Erkältungszeichen da sind, wird EMS schnell unvernünftig.
Ein Branchenportal für EMS formuliert es klar:
„Wer eine Erkältung, Fieber oder eine bakterielle Infektion hat, sollte zumindest temporär auf ein Training verzichten.“[^2]
Das ist keine Kleinigkeit. Schon normales intensives Training kann bei Infekten problematisch sein. Bei EMS kommt dazu, dass der Trainingsreiz sehr konzentriert ist und der Körper nicht nur lokal, sondern systemisch belastet wird.
Warum Sport mit Infekt riskant sein kann
Das größte Risiko ist nicht der verlorene Trainingstag, sondern das Verschleppen eines Infekts. Besonders gefürchtet ist die Herzmuskelentzündung, also Myokarditis.
Die Deutsche Herzstiftung schreibt dazu eindeutig: Bei Gliederschmerzen oder Fieber ist körperliche Schonung erforderlich und Sport absolut tabu.[^3] Das passt zu dem, was man in der Sportmedizin seit Jahren betont: Symptome unterhalb des Halses, Fieber, deutliche Schwäche oder Kreislaufprobleme sind klare Stoppsignale.
Auch medizinisch ist der Zusammenhang plausibel. Laut Apotheken Umschau steckt in mindestens jedem zweiten Fall einer Myokarditis eine Virusinfektion dahinter.[^4] Das heißt nicht, dass aus jeder Erkältung sofort eine Herzmuskelentzündung wird. Aber es heißt sehr wohl, dass Training in der akuten Infektphase ein unnötiges Risiko ist.
Wann du definitiv kein EMS machen solltest
Pause ist die bessere Wahl, wenn du eines oder mehrere dieser Zeichen hast:
- Fieber oder Schüttelfrost
- Gliederschmerzen
- starke Müdigkeit oder “Wattegefühl”
- Husten mit Belastung
- Druck auf der Brust
- Herzstolpern, ungewöhnlich hoher Puls oder Atemnot
- bakterielle Infektion oder laufende Antibiotika-Therapie
Dann geht es nicht um Motivation, sondern um Belastungssteuerung. EMS ist in dieser Phase kein “schonendes Alternativtraining”, sondern eher das Gegenteil.
Gibt es Situationen, in denen leichte Bewegung okay ist?
Ja, aber das ist nicht automatisch ein Freifahrtschein für EMS.
Die klassische Faustregel aus dem Freizeitsport lautet: Reine Beschwerden “oberhalb des Halses”, also leichte laufende Nase oder leichtes Kratzen im Hals, können manchmal mit sehr lockerer Bewegung vereinbar sein. Gemeint sind dann eher Spaziergänge, lockeres Mobility-Training oder sehr entspanntes Radfahren, nicht hochintensive Reize.
EMS fällt meistens nicht in diese lockere Kategorie. Selbst wenn die Einheit kurz ist, bleibt sie oft deutlich intensiver als sie aussieht. Wenn du erkältet bist und dich fragst, ob EMS noch geht, lautet die praktisch sinnvolle Antwort meistens: lieber nicht.
EMS bei Erkältung: Vorteile und Nachteile ehrlich abgewogen
Was theoretisch dafür spricht
- Die Einheit ist kurz und planbar.
- Gelenke werden oft weniger mechanisch belastet als bei schweren Gewichten.
- Für gesunde Menschen kann EMS zeiteffizient sein.
Was in der Erkältungsphase dagegen spricht
- Der Trainingsreiz ist trotz kurzer Dauer intensiv.
- Regeneration und Immunsystem konkurrieren um Ressourcen.
- Symptome können sich verschlimmern oder länger ziehen.
- Bei Fieber, Gliederschmerzen oder Brustsymptomen steigt das Risiko klar.
- EMS-Anbieter nennen Erkältung und Fieber selbst als Ausschlussgrund.[^2]
Unterm Strich: Die üblichen EMS-Vorteile gelten vor allem für gesunde Tage, nicht für akute Infektphasen.
Was die aktuelle Forschung zu EMS zeigt und was das für Erkältungen bedeutet
EMS ist nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil: Für bestimmte Ziele kann es sinnvoll sein. Eine Dissertation der Deutschen Sporthochschule Köln zeigt, dass WB-EMS bei chronischen, unspezifischen Rückenschmerzen die Schmerzintensität um rund 29,7 % senken konnte; in der Studie waren die Effekte mit anderen Trainingsmethoden vergleichbar, wurden aber in kürzerer Trainingszeit erreicht.[^5]
Wichtig ist aber der Kontext: Diese Vorteile wurden nicht bei Menschen mit akuter Erkältung untersucht, sondern bei passend ausgewählten Zielgruppen unter kontrollierten Bedingungen. Aus “EMS kann wirksam sein” folgt also nicht “EMS ist auch bei Infekt okay”.
Das passt auch zum größeren Fitnesstrend: Bewegung bleibt wichtig, aber dosiert. Weltweit erfüllten 2022 rund 31 % der Erwachsenen die WHO-Empfehlungen für körperliche Aktivität nicht, das entspricht etwa 1,8 Milliarden Menschen.[^6] Mehr Training ist also grundsätzlich sinnvoll, nur eben nicht um jeden Preis und nicht in jeder körperlichen Verfassung.
Aktuelle Entwicklungen: Mehr Fitness, aber auch mehr Winterinfekte
Zwei Trends laufen gerade parallel:
- Die Fitnessbranche wächst wieder deutlich. In Deutschland stieg die Mitgliederzahl in Fitness- und Gesundheitsanlagen 2023 auf 11,3 Millionen, ein Plus von 9,9 %.[^7]
- Gleichzeitig zeigen die aktuellen RKI-Daten, dass Atemwegsinfekte im Winter weiter stark zirkulieren.[^1]
Für den Alltag heißt das: Mehr Menschen trainieren regelmäßig und strukturierter, auch mit zeiteffizienten Formaten wie EMS. Genau deshalb wird die Frage wichtiger, wann Disziplin sinnvoll ist und wann Pause die bessere Trainingsentscheidung ist.
So gehst du verantwortungsvoll mit EMS und Erkältung um
1. Nutze die 24- bis 48-Stunden-Regel nach Symptomen
Wenn Fieber, Gliederschmerzen oder starke Schwäche gerade erst abgeklungen sind, steig nicht sofort wieder ein. Warte, bis du dich im Alltag wieder wirklich belastbar fühlst.
2. Starte nicht mit voller Intensität
Die erste EMS-Einheit nach einem Infekt sollte deutlich leichter sein als sonst. Weniger Impulsstärke, weniger Ehrgeiz, mehr Beobachtung.
3. Achte auf Warnzeichen beim Wiedereinstieg
Brich ab, wenn du Folgendes bemerkst:
- ungewöhnlich hohen Puls
- Engegefühl in der Brust
- Atemnot
- Herzstolpern
- starke Erschöpfung noch Stunden später
4. Verwechsle “keine Lust” nicht mit “noch nicht gesund”
Viele merken erst unter Belastung, dass der Infekt noch nicht wirklich vorbei ist. Wenn Treppensteigen sich schon schwer anfühlt, ist EMS zu früh.
5. Sprich bei Unsicherheit mit Arzt oder Trainer
Vor allem dann, wenn du wiederkehrende Infekte hast, gerade Antibiotika nimmst oder Herz-Kreislauf-Beschwerden kennst.
Wann du wieder einsteigen kannst
Ein sinnvoller Wiedereinstieg sieht oft so aus:
- symptomfrei im Alltag
- kein Fieber mehr
- normales Energiegefühl
- erste lockere Bewegung problemlos
- dann erst eine reduzierte EMS-Einheit
Wenn du vorher einen stärkeren Infekt hattest, lieber stufenweise zurück. Erst Spazieren, dann lockere Ausdauer oder Mobilität, dann normales Krafttraining oder EMS.
Fazit
EMS kann ein effizientes Training sein, aber bei Erkältung ist Effizienz nicht das Ziel. Dann zählt Belastungskontrolle. Bei Fieber, Gliederschmerzen, deutlicher Schwäche oder Brustsymptomen ist Pause klar die bessere Entscheidung. Selbst bei milden Beschwerden ist EMS meistens nicht die klügste Wahl, weil der Reiz für ein krankes oder gerade erst erholtes System oft zu hoch ist.
Quellen
[^1]: Robert Koch-Institut: ARE-Wochenbericht KW 04/2026 [^2]: EMS-Training.de: Was ist EMS-Training? [^3]: Deutsche Herzstiftung: Herzkrank und erkältet: Wann darf man wieder Sport machen? [^4]: Apotheken Umschau: Herzmuskelentzündung erkennen und behandeln [^5]: Deutsche Sporthochschule Köln: Anwendbarkeit & Effektivität von Ganzkörper-Elektromyostimulation in athletischen, gesunden & klinischen Populationen [^6]: World Health Organization: Nearly 1.8 billion adults at risk of disease from not doing enough physical activity [^7]: DSSV / Deloitte / DHfPG: Pressemitteilung „Eckdaten der deutschen Fitnesswirtschaft 2024“



