Kurz gesagt: Nein, im normalen EMS-Studio solltest du mit Herzschrittmacher kein Ganzkörper-EMS machen. In den deutschen Konsensempfehlungen für nichtmedizinisches Ganzkörper-EMS (WB-EMS) stehen „elektrische Implantate, Herzschrittmacher“ auf der Liste der absoluten Kontraindikationen. Das bedeutet: Hier hilft auch kein ärztliches Attest, das Training findet einfach nicht statt (von Stengel et al., 2024). Für Herzrhythmusstörungen gilt dasselbe.
Ein Gesetz mit dem Satz „EMS mit Herzschrittmacher ist verboten“ gibt es allerdings nicht. Weiter unten liest du, woraus sich die Regel ergibt und warum Studios sich daran halten.
Hinweis: Dieser Artikel fasst Fachquellen zusammen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ob für dich überhaupt eine Form von Elektrostimulation infrage kommt, klären Kardiologin oder Kardiologe und die Schrittmacher-Ambulanz.
Was hier mit „EMS“ gemeint ist
Drei Verfahren werden oft in einen Topf geworfen, obwohl sie sich deutlich unterscheiden:
- Ganzkörper-EMS (WB-EMS): Du trägst eine Weste mit Elektroden, die viele große Muskelgruppen gleichzeitig mit Strom ansteuern, meist während kurzer Übungen. So läuft das im EMS-Studio und mit EMS-Anzügen für zu Hause.
- Lokale Elektromyostimulation (NMES): Einzelne Muskeln werden gezielt stimuliert, meist in Physiotherapie oder Reha.
- TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation): Das Ziel ist hier die Schmerzlinderung über die Nerven, nicht der Muskelaufbau.
Die Kontraindikationslisten, um die es hier geht, beziehen sich auf nichtmedizinisches Ganzkörper-EMS. Was für medizinisch überwachte TENS oder NMES gilt, steht weiter unten. Das lässt sich nicht einfach auf EMS übertragen.
Was die Fachquellen sagen
Konsensempfehlungen: absolute Kontraindikation
2024 hat eine deutsche Expertengruppe die Kontraindikationen für kommerzielles WB-EMS überarbeitet. Einige Punkte wurden gelockert: Diabetes mellitus und Tumorerkrankungen sind jetzt relative Kontraindikationen. Training ist dann mit ärztlicher Freigabe und besonderer Fachkunde möglich.
Bei Herzschrittmachern und Herzrhythmusstörungen hat die Gruppe nichts geändert. Diese Punkte wurden von vornherein nicht neu bewertet, weil Nebenwirkungen hier schwere Folgen haben könnten (von Stengel et al., 2024).
Die absoluten Kontraindikationen laut dieser Empfehlung (Auswahl):
- elektrische Implantate, Herzschrittmacher
- Herzrhythmusstörungen
- Stents und Bypässe, die seit weniger als 6 Monaten bestehen
- unbehandelter Bluthochdruck
- Arteriosklerose, arterielle Durchblutungsstörungen
- Schwangerschaft
- Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen
- akute Infekte und Entzündungen
Implantierbare Defibrillatoren (ICD) nennt die Liste nicht ausdrücklich. Als elektrisches Implantat fallen sie aber naheliegend unter denselben Punkt.
DIN-Norm und Branchenformulare
Die Norm DIN 33961-5 erschien im Frühjahr 2019. Sie legte für WB-EMS erstmals absolute und relative Kontraindikationen fest (Kemmler et al., 2019).
Auch Branchenvorlagen setzen das um. Im Beratungsprotokoll des Fitnessverbands DSSV, das sich an der NiSV orientiert, stehen „Elektrische Implantate, Herzschrittmacher“ ebenfalls bei den absoluten Ausschlussgründen (DSSV-Beratungsprotokoll).
Gerätehersteller schließen Herzschrittmacher, Defibrillatoren und andere elektronische Implantate in ihren Anleitungen in der Regel ebenfalls aus. Ein Beispiel ist das Katalyst-Benutzerhandbuch. Das sind Herstellerangaben und keine unabhängigen Studien. Sie zählen aber trotzdem, wie der nächste Abschnitt zeigt.
Was rechtlich gilt (Stand: Oktober 2026)
Nichtmedizinisches EMS fällt seit dem 31.12.2020 unter die Verordnung zum Schutz vor schädlichen Wirkungen nichtionisierender Strahlung bei der Anwendung am Menschen (NiSV). Eine eigene Liste mit Kontraindikationen enthält die Verordnung nicht. Sie verpflichtet Studios aber zu mehreren Dingen:
- Gerät nach Herstellerangaben betreiben (§ 3 NiSV). Wenn der Hersteller Herzschrittmacher ausschließt, ist das für den Betrieb verbindlich.
- Vor der Anwendung beraten und aufklären. Dazu gehören gesundheitliche Risiken, Alternativen und die „mögliche Notwendigkeit einer vorherigen fachärztlichen Abklärung“. Die Aufklärung wird in einem Beratungsprotokoll festgehalten, das das Studio zehn Jahre aufbewahren muss (§ 3 NiSV).
- Fachkunde nachweisen. Wer EMS zum Muskelaufbau anwendet, braucht eine Fachkunde nach § 7 NiSV, etwa über eine anerkannte Schulung oder eine Ausbildung in der Physiotherapie.
- Übergangsfristen sind abgelaufen. Die Übergangsregeln für den Fachkundenachweis endeten am 31.12.2025 (§ 13 NiSV).
Einordnung: Der Ausschluss von Menschen mit Herzschrittmacher steht also nicht wörtlich in der NiSV. Er ergibt sich aus Herstellerangaben, der DIN-Norm und dem fachlichen Konsens, und die NiSV macht Herstellerangaben und Aufklärung verpflichtend. Ein seriöses Studio wird dich deshalb ablehnen, auch wenn du selbst trainieren möchtest. Mehr zur Gesundheitsabfrage vor dem Start liest du im Beitrag EMS-Training: Brauchst du vorher ein ärztliches Attest?
Warum Strom und Schrittmacher ein Risiko sind
Ein Herzschrittmacher misst die elektrische Aktivität des Herzens und reagiert darauf. Elektrische Signale von außen können diese Messung stören. Fachleute sprechen dann von elektromagnetischer Interferenz.
Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat solche Störungen durch Felder im Alltag und im Beruf in einer Stellungnahme zusammengefasst. Danach sind sie bei modernen Implantaten insgesamt selten. Sie können aber vorkommen, und die Folgen hängen von Gerät und Grunderkrankung ab (Napp et al., 2019, Der Kardiologe). Bei einem ICD kann eine Störung im schlimmsten Fall einen unnötigen, schmerzhaften Schock auslösen.
Speziell zu Ganzkörper-EMS mit Herzschrittmacher gibt es nach unserer Recherche keine belastbaren Sicherheitsstudien. Der Ausschluss beruht deshalb auf Vorsicht und Plausibilität, nicht auf Studien, die einen Schaden direkt gemessen haben.
Und TENS oder Elektrotherapie beim Arzt?
Im medizinischen Bereich ist die Lage etwas anders, aber ebenfalls zurückhaltend:
- Eine Studie der Charité mit 107 ICD-Trägerinnen und -Trägern hat TENS am Nacken und am Brustkorb getestet. Bei rund 16 % traten Störungen auf. Sie waren gering und nur kurzzeitig, ganz ausgeschlossen werden konnten sie aber nicht. Die Autoren empfehlen, TENS vor dem Einsatz unter Aufsicht von Fachleuten für Herzimplantate zu testen (Europace, 2023).
- Eine ältere Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass TENS und NMES bei Herzschrittmachern grundsätzlich als kontraindiziert gelten. Unter bestimmten Bedingungen seien sie trotzdem möglich: passende Frequenz und Elektrodenlage, erweiterte Überwachung und Kontrolle des Schrittmachers bei der ersten Anwendung (Thieme, 2001). Die Daten darin sind allerdings alt.
Was daraus folgt: Eine einzelne, gezielte Elektrostimulation kann im medizinischen Rahmen nach Prüfung im Einzelfall möglich sein. Das ist aber etwas völlig anderes als ein Ganzkörpertraining im Studio, bei dem viele Elektroden gleichzeitig große Flächen stimulieren, auch nah am Brustkorb.
EMS-Anzug für zu Hause: keine Ausweichlösung
Ein privat gekaufter EMS-Anzug umgeht die Regeln für Studios, aber nicht das Risiko. Hersteller schließen Implantate auch hier aus, und zu Hause fehlt zusätzlich die Betreuung durch geschultes Personal. Mehr zu Heimgeräten findest du im Beitrag EMS-Training zu Hause: Lohnt sich ein EMS-Anzug?
Checkliste: So gehst du mit Implantat oder Herzproblemen vor
- Implantat beim Erstgespräch immer angeben. Das gilt auch, wenn es lange her ist oder dir unwichtig erscheint (Schrittmacher, ICD, Neurostimulator, Insulinpumpe).
- Bei Herzschrittmacher, ICD oder Herzrhythmusstörungen: Rechne mit einer Ablehnung im EMS-Studio. Das ist fachlich so vorgesehen und keine Willkür.
- Nach Bewegungsalternativen fragen. Kläre in der Kardiologie oder Schrittmacher-Ambulanz, welches Training für dich passt. Infrage kommen zum Beispiel Ausdauertraining, Krafttraining an Geräten oder Herzsport.
- Elektrotherapie nur medizinisch. Wird dir TENS oder Muskelstimulation verordnet, sollten die behandelnde Praxis und die Implantat-Nachsorge vorher Bescheid wissen.
- Auf Warnzeichen achten. Schwindel, Herzrasen oder Ohnmachtsgefühl in der Nähe elektrischer Geräte solltest du ärztlich abklären lassen.
Hypothetisches Beispiel: Eine 58-jährige Person mit Herzschrittmacher möchte wegen Zeitmangels mit EMS anfangen. Das Studio lehnt nach der Gesundheitsabfrage ab. Ein sinnvoller nächster Schritt wäre, in der Schrittmacher-Nachsorge zu fragen, welche Belastung erlaubt ist. Danach könnte sie ein kurzes Krafttraining planen, das in ihre Woche passt. Wie viel Zeit Training wirklich braucht, ordnet der Beitrag EMS-Training: Sind 20 Minuten pro Einheit genug? ein.
Fazit
Mit Herzschrittmacher ist Ganzkörper-EMS im Studio nicht vorgesehen. Die aktuellen deutschen Konsensempfehlungen, die DIN 33961-5 und die Herstellerangaben führen elektrische Implantate als absolute Kontraindikation. Die NiSV verpflichtet Studios, Herstellerangaben einzuhalten und über Risiken aufzuklären. Direkte Studien zu WB-EMS mit Schrittmacher fehlen, deshalb beruht die Regel auf Vorsicht.
Medizinische TENS oder gezielte Muskelstimulation sind etwas anderes. Sie können im Einzelfall unter fachärztlicher Kontrolle möglich sein. Welche Bewegung für dich geeignet ist, entscheidet deine kardiologische Betreuung.
Quellen
- von Stengel S. et al. (2024): Revised contraindications for the use of non-medical WB-electromyostimulation. Frontiers in Sports and Active Living.
- Kemmler W. et al. (2019): Recommended Contraindications for the Use of Non-Medical WB-Electromyostimulation. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin.
- Kemmler W. et al. (2023): Position statement and updated international guideline for safe and effective WB-EMS training. Frontiers in Physiology.
- NiSV: § 3, § 7, § 13, gesetze-im-internet.de.
- Napp A. et al. (2019): Elektromagnetische Interferenz von aktiven Herzrhythmusimplantaten im Alltag und im beruflichen Umfeld. Der Kardiologe.
- Europace (2023): TENS and sensing function of implantable defibrillators.
- DSSV: Beratungsprotokoll EMS-Training.



