Kurz gesagt: Ganzkörper-Elektromyostimulation (WB-EMS) kann bei Osteoporose eine sinnvolle Trainingsoption sein – besonders, wenn herkömmliches Krafttraining wegen eingeschränkter Leistungsfähigkeit oder Gelenkbeschwerden schwerfällt. Die Muskulatur lässt sich damit wahrscheinlich stärken. Für einen deutlichen Aufbau der Knochen oder einen nachgewiesenen Schutz vor Brüchen reicht die bisherige Evidenz jedoch nicht aus.

EMS sollte deshalb nicht als Ersatz für eine ärztliche Osteoporosebehandlung oder für geeignetes Kraft-, Gleichgewichts- und Belastungstraining verstanden werden.

Was passiert beim EMS-Training?

Beim WB-EMS werden mehrere große Muskelgruppen gleichzeitig über Elektroden stimuliert. Die elektrischen Impulse lösen Muskelkontraktionen aus oder verstärken die Anspannung bei einfachen Übungen.

Das kann einen Trainingsreiz setzen, obwohl nur leichte Bewegungen ausgeführt werden. Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse über ältere Menschen fand positive Effekte auf Muskelmasse, Beinkraft, Handkraft und Gehgeschwindigkeit. Die Autoren bewerteten die Sicherheit der Wirksamkeitsnachweise allerdings als niedrig.

Für Menschen mit Osteoporose ist Muskelkraft aus zwei Gründen wichtig:

  • Kräftigere Muskeln unterstützen stabile Bewegungen im Alltag.
  • Mehr Kraft, Gleichgewicht und Reaktionsfähigkeit können das Sturzrisiko beeinflussen.

Ein stärkerer Muskel bedeutet jedoch nicht automatisch, dass auch der Knochen entsprechend stärker wird.

Stärkt EMS auch die Knochen?

Die Wirkung auf die Knochen ist wesentlich weniger gut belegt als die Wirkung auf die Muskulatur.

In der bislang wichtigsten randomisierten Studie trainierten 76 wenig aktive Frauen ab 70 Jahren mit Osteopenie ein Jahr lang entweder mit WB-EMS oder absolvierten ein leichtes Gymnastikprogramm. An der Lendenwirbelsäule zeigte sich nur ein knapp nicht statistisch signifikanter Unterschied zugunsten von EMS. An der Hüfte bestand kein relevanter Unterschied. Muskelmasse und Handkraft verbesserten sich dagegen deutlicher (TEST-III-Studie).

Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie zum körperlichen Training zur Frakturprophylaxe bewertet den möglichen Effekt einer alleinigen WB-EMS-Anwendung auf die Knochendichte deshalb als niedrig. Sie nennt EMS dennoch als mögliche Option für Menschen mit verminderter Leistungsfähigkeit und Gelenkproblemen.

Für leistungsfähige Personen ohne relevante Gelenkbeschwerden empfiehlt die Leitlinie ausdrücklich, zusätzlich ein geeignetes körperliches Training zur Frakturprophylaxe durchzuführen.

Warum normales Training für die Knochen wichtig bleibt

Knochen reagieren vor allem auf mechanische Belastung. Dazu gehören Muskelzug, das Tragen des eigenen Körpergewichts und – abhängig vom persönlichen Frakturrisiko – geeignete Stoßbelastungen.

Die DVO-Leitlinie empfiehlt regelmäßige, an den funktionellen Zustand angepasste Aktivität zur Verbesserung von Muskelkraft, Gleichgewicht, Koordination und Reaktionsfähigkeit (DVO-Leitlinie Osteoporose 2023). Internationale Leitlinien setzen ebenfalls auf eine Kombination aus progressivem Krafttraining sowie Gleichgewichts- und Funktionstraining (Osteoporosis Canada, 2023).

Je nach Ausgangslage kommen beispielsweise infrage:

  • kontrolliertes Krafttraining mit Geräten, Gewichten, Bändern oder dem eigenen Körpergewicht,
  • Gleichgewichts- und Schrittübungen,
  • zügiges Gehen, Treppensteigen oder Tanzen,
  • individuell geeignete Übungen zur Aufrichtung und Kräftigung des Rückens.

Bei deutlich verminderter Knochenfestigkeit oder bestehenden Wirbelkörperbrüchen müssen Übungen angepasst werden. Hohe axiale Stoßbelastungen sowie stark belastete, schnelle oder wiederholte Beuge- und Drehbewegungen der Wirbelsäule können ungeeignet sein. Die Auswahl sollte dann mit einer osteologisch oder physiotherapeutisch qualifizierten Fachperson erfolgen.

Ist EMS bei Osteoporose gefährlich?

Osteoporose allein wird in der aktuellen Trainingsleitlinie nicht als genereller Ausschlussgrund behandelt. Das individuelle Frakturrisiko, frühere Knochenbrüche, Begleiterkrankungen und die ausgeführten Bewegungen entscheiden jedoch wesentlich über die Sicherheit.

WB-EMS kann große Muskelbereiche gleichzeitig sehr intensiv belasten. Bei zu hoher Anfangsintensität wurden Fälle einer Rhabdomyolyse beschrieben – eines ausgeprägten Muskelzerfalls, der auch die Nieren gefährden kann. Solche Fälle traten unter anderem nach einer einzigen ungewohnten Sitzung auf (Fallbericht von 2023). Das Risiko lässt sich nicht aus diesen Einzelfällen beziffern, sie zeigen aber, warum ein vorsichtiger Einstieg nötig ist.

Warnzeichen nach dem Training sind insbesondere ungewöhnlich starke oder zunehmende Muskelschmerzen, deutliche Schwäche, ausgeprägte Schwellungen und dunkelbrauner Urin. Solche Beschwerden sollten umgehend medizinisch abgeklärt werden.

Wann EMS nicht oder nur nach ärztlicher Freigabe infrage kommt

Ein deutscher Expertenkonsens von 2024 unterscheidet absolute und relative Gegenanzeigen für nichtmedizinisches WB-EMS (von Stengel et al., 2024).

Zu den dort genannten absoluten Gegenanzeigen gehören unter anderem:

  • akute Erkrankungen, bakterielle Infektionen oder Entzündungen,
  • Schwangerschaft,
  • unbehandelter Bluthochdruck,
  • Herzrhythmusstörungen,
  • Herzschrittmacher oder andere elektrische Implantate,
  • schwere Blutgerinnungsstörungen,
  • arterielle Durchblutungsstörungen,
  • bestimmte neurologische Erkrankungen und Epilepsie,
  • kürzlich erfolgte Operationen im stimulierten Bereich.

Nur nach ärztlicher Freigabe und mit entsprechend medizinisch qualifizierter Betreuung soll EMS beispielsweise bei Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen, akuten ungeklärten Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfällen, Ödemen oder offenen Hautstellen nahe den Elektroden erfolgen.

Auch nach einem frischen Knochenbruch, bei neuen Rückenschmerzen oder plötzlich verringerter Beweglichkeit ist vor Trainingsbeginn eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Rückenschmerzen können bei Osteoporose verschiedene Ursachen haben, darunter unbemerkte Wirbelkörperfrakturen.

So lässt sich das Training sicherer gestalten

Vor dem Einstieg sollten Diagnose, bisherige Frakturen, Medikamente, Blutdruck, Begleiterkrankungen und vorhandene Implantate vollständig erfasst werden. Bei bekannter Osteoporose ist eine ärztliche Freigabe besonders sinnvoll, auch wenn keine offensichtliche Gegenanzeige besteht.

Für die praktische Durchführung gelten folgende Grundsätze:

  1. Keine unbeaufsichtigten Einheiten: Internationale Sicherheitsempfehlungen raten von nicht betreutem WB-EMS ab und empfehlen eine enge, möglichst individuelle Betreuung (internationale WB-EMS-Richtlinie).
  2. Sehr vorsichtig beginnen: Die Impulsstärke sollte in den ersten Einheiten niedrig bleiben und schrittweise an die individuelle Reaktion angepasst werden.
  3. Bewegungen an das Frakturrisiko anpassen: Bei Wirbelkörperfrakturen, deutlicher Rundrückenbildung oder hohem Sturzrisiko sind sichere Ausgangspositionen und fachlich ausgewählte Übungen entscheidend.
  4. Ausreichend regenerieren: Zusätzliche intensive Kraftbelastungen unmittelbar vor oder nach der EMS-Einheit können die Gesamtbelastung unnötig erhöhen.
  5. Beschwerden sofort melden: Schmerz soll nicht durch eine höhere Stromstärke „überwunden“ werden.
  6. Qualifikation prüfen: In Deutschland verlangt die NiSV für gewerbliche Anwendungen zur Muskelstimulation einen Fachkundenachweis (§ 7 NiSV). Bei Osteoporose ist zusätzliche Erfahrung mit Frakturprävention und medizinischem Training sinnvoll.

Was EMS nicht ersetzen kann

EMS behandelt nicht die Ursache einer Osteoporose. Es ersetzt weder die Beurteilung des persönlichen Frakturrisikos noch eine gegebenenfalls notwendige medikamentöse Therapie.

Die DVO-Leitlinie richtet die medikamentöse Behandlung am individuellen Risiko für Wirbelkörper- und Hüftfrakturen aus. Bei entsprechend hohem Risiko werden Arzneimittel mit nachgewiesener Senkung des Frakturrisikos empfohlen (DVO-Leitlinie zur Osteoporosetherapie). EMS sollte eine verordnete Behandlung daher nicht eigenständig verändern oder ablösen.

Fazit

WB-EMS kann bei Osteoporose vor allem die Muskulatur unterstützen und für Menschen mit geringer Leistungsfähigkeit oder Gelenkbeschwerden eine praktische Trainingsoption darstellen. Ein überzeugender Aufbau der Knochendichte oder eine Senkung des Frakturrisikos ist bislang nicht nachgewiesen.

Am sinnvollsten ist EMS als beaufsichtigter Bestandteil eines umfassenden Konzepts aus angepasstem Krafttraining, Gleichgewichtstraining, Sturzprävention und medizinischer Osteoporosebehandlung. Entscheidend sind eine vorherige Abklärung, ein langsamer Belastungsaufbau und Bewegungen, die zum individuellen Frakturrisiko passen.

Quellen