Rückenschmerzen sind kein „Nischenproblem“: 2020 hatten weltweit rund 619 Millionen Menschen Kreuzschmerzen.[^1] Kein Wunder also, dass EMS (Elektromyostimulation) gerade im Fitness-Kontext so oft als schnelle Lösung gehandelt wird. Aber hilft das wirklich – oder ist es eher Marketing als Methode?
EMS vs. TENS: Bitte nicht verwechseln
Wenn du „Strom gegen Schmerzen“ hörst, landen viele sofort bei TENS (Reizstrom zur Schmerzlinderung, meist lokal). In diesem Artikel geht’s aber um EMS im Training, oft als (Whole-Body-)EMS mit Weste/Anzug: Ziel ist Muskelaktivierung und Trainingseffekt, nicht primär „Schmerz wegknipsen“.
Was EMS im Körper macht (kurz und verständlich)
Bei EMS werden Muskeln über Elektroden mit Impulsen stimuliert. Das führt dazu, dass Muskelfasern zusätzlich zu deiner willentlichen Anspannung arbeiten.
Typisch für Studio-WB-EMS:
- Du machst einfache Übungen (z. B. Kniebeuge-Varianten, Rumpfspannung, Rudern mit Band)
- Der Impuls kommt in Intervallen (Anspannung/Pause)
- Intensität wird pro Muskelgruppe eingestellt (und sollte langsam gesteigert werden)
Wichtig: EMS ersetzt nicht automatisch gute Bewegungsausführung. Wenn du mit schlechter Technik „mehr Muskel“ draufschaltest, kann das den Rücken eher stressen als stabilisieren.
Was sagt die Studienlage zu Rückenschmerzen?
Für chronische, unspezifische Rückenschmerzen gibt es Studien zu WB-EMS – und die Ergebnisse klingen erstmal solide, aber nicht wundersam.
In einer randomisierten Studie über 12 Wochen sank die durchschnittliche Schmerzintensität:
- mit WB-EMS um ca. 22,3%
- mit klassischem Rückenkräftigungs-Training um ca. 30,2% — ohne klaren Unterschied zwischen den Gruppen.[^2]
Heißt praktisch: EMS kann helfen, aber im Schnitt eher ähnlich gut wie gut gemachtes Kraft-/Stabitraining – nur oft mit weniger Zeitaufwand pro Einheit.
“To achieve universal health coverage, the issue of low back pain cannot be ignored, as it is the leading cause of disability globally,”[^1]
Vorteile: Wann EMS bei Rückenschmerzen sinnvoll sein kann
EMS kann in dein Setup passen, wenn…
- du wenig Zeit hast und trotzdem regelmäßig etwas für Rumpf/Becken-Stabilität tun willst
- du bei klassischen Übungen schnell in Schonhaltungen rutschst und von klarer, geführter Belastung profitierst
- du EMS als Ergänzung zu normalem Krafttraining, Sport oder Physio nutzt (nicht als Ersatz für alles)
Nachteile & Risiken: Wo du vorsichtig sein solltest
EMS ist kein „harmloser Shortcut“. Besonders zu hohe Intensität, zu viel Volumen oder „Ego-Regler auf Anschlag“ kann problematisch sein.
Ein bekanntes Risiko ist Rhabdomyolyse (starker Muskelzerfall) – selten, aber dokumentiert, vor allem bei ungewohnter, sehr intensiver EMS-Belastung.[^3]
Außerdem gilt (ganz unabhängig von EMS):
- Wenn Schmerzen ins Bein ausstrahlen, Taubheit/Schwäche dazukommt, Fieber/Unfall/„Red Flags“ im Raum stehen: Das gehört medizinisch abgeklärt.
Praktische Tipps: So nutzt du EMS verantwortungsvoll
- Starte konservativ: Die ersten 2–4 Einheiten eher „zu leicht“ als „zu hart“.
- Steigere nur einen Faktor: Intensität oder Übungsumfang oder Zusatztraining – nicht alles gleichzeitig.
- 48–72 Stunden Abstand am Anfang einplanen (Muskelkater kann bei EMS fies sein).
- Trinke und schlafe gut: Regeneration ist bei EMS nicht optional.
- Rücken-fokussierte Übungsauswahl: Anti-Rotation/Anti-Extension (z. B. Dead Bug-Varianten, Hüftheben, kontrollierte Ruderbewegungen) statt wildem Hohlkreuz-Geballer.
- Stop-Regeln: Ungewöhnlich starke Muskelschmerzen, Schwäche oder dunkler Urin nach EMS sind Warnzeichen → abklären lassen.[^3]
Trends: Was sich gerade rund um EMS tut
EMS bleibt sichtbar, aber der Markt sortiert sich: In einer aktuellen Auswertung zum deutschen Fitnessmarkt wird für 2024 ein Rückgang bei EMS-Einrichtungen im „Special Interest“-Segment von -6% berichtet.[^4] Gleichzeitig rückt in der Praxis stärker in den Fokus, EMS als zeit-effiziente Ergänzung zu etablierten Trainingsformen zu nutzen – statt als „einzige Lösung“.
Fazit
EMS kann bei (vor allem chronischen, unspezifischen) Rückenschmerzen spürbar helfen – aber es ist eher ein Alternative/Addon zu gutem Kraft- und Stabilisationstraining als ein magischer Hack. Wenn du es nutzt, dann smart: langsam steigern, Technik sauber halten, Regeneration ernst nehmen und Warnsignale nicht ignorieren.
Quellen & weiterführende Links
[^1]: World Health Organization (WHO) – WHO releases guidelines on chronic low back pain (07.12.2023). https://www.who.int/news/item/07-12-2023-who-releases-guidelines-on-chronic-low-back-pain
[^2]: Weissenfels A. et al. – Comparison of Whole-Body Electromyostimulation versus Recognized Back-Strengthening Exercise Training on Chronic Nonspecific Low Back Pain: A Randomized Controlled Study (Biomed Research International, 2019). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31687394/
[^3]: Stöllberger C., Finsterer J. – Side effects of and contraindications for whole-body electro-myo-stimulation: a viewpoint (BMJ Open Sport & Exercise Medicine, 2019). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31908835/
[^4]: Deloitte Deutschland – Fitnessketten bauen ihren Marktanteil weiter aus (09.04.2025; Daten zum Fitnessmarkt 2024). https://www.deloitte.com/de/de/about/press-room/fitnessketten-bauen-ihren-marktanteil-weiter-aus.html



