Du hast bestimmt schon den Satz gehört: „20 Minuten EMS = Stunden im Gym.“ Klingt nach Abkürzung zum Sixpack – aber was ist daran wirklich dran? Spannend ist: In einer Studie war der Energieverbrauch bei 16 Minuten Kraftübungen mit Ganzkörper-EMS im Schnitt 412 kcal statt 352 kcal ohne EMS (moderate Trainierende, Messung per indirekter Kalorimetrie).[^1] Das ist ein echter Unterschied – aber es ist noch nicht automatisch „Abnehmen garantiert“.
Damit du EMS realistisch einordnen kannst, bekommst du hier den Fakten-Check: Wie EMS funktioniert, was die Forschung zu Fettverlust sagt, wo die Risiken liegen und wie du es praktisch (und verantwortungsvoll) nutzt.
Was ist EMS – und was passiert dabei im Körper?
EMS steht für Elektro-Muskelstimulation. Beim Ganzkörper-EMS trägst du meist eine Weste/Anzug mit Elektroden. Über Impulse werden Muskeln zur Kontraktion gebracht – zusätzlich zu dem, was dein Nervensystem beim normalen Training ohnehin ansteuert. Du machst dabei meistens einfache Übungen (z. B. Squats, Rudern, Ausfallschritte), während Impuls- und Pausenphasen wechseln.
Was das bedeutet – simpel erklärt:
- Mehr Muskelfasern gleichzeitig aktiv: Vor allem bei korrekt eingestellter Intensität „spürst“ du schneller, dass viele Muskeln gleichzeitig arbeiten.
- Hoher Reiz in kurzer Zeit: Darum sind Einheiten oft nur ~15–20 Minuten.
- Kein „Fett-weg-Strom“: EMS lässt Fett nicht direkt schmelzen – es ist immer noch Training (plus Ernährung), nicht Magie.
Abnehmen mit EMS: Was bringt es wirklich?
1) EMS kann deinen Energieverbrauch erhöhen – aber es bleibt ein Baustein
Ja: EMS kann kurzfristig den Energieverbrauch steigern.
Statistik 1 (akut, während Training): Bei einem 16‑Minuten-Protokoll lag der Energieverbrauch mit WB‑EMS bei 412 ± 60 kcal vs. 352 ± 70 kcal ohne WB‑EMS.[^1]
Statistik 2 (nach einer Einheit): Eine andere Studie fand nach einer intensiven WB‑EMS‑Session eine Erhöhung des Ruheumsatzes um ca. 25% ± 10% und einen Mehrverbrauch (WB‑EMS vs. Kontrolle) von etwa 460 ± 50 kcal über den Messzeitraum.[^2]
Aber: Selbst „ein paar hundert kcal mehr“ lösen das Grundprinzip nicht ab.
2) Ohne Kaloriendefizit wird’s mit Fettverlust schwierig
Fettverlust passiert, wenn du über Zeit mehr Energie verbrauchst als du zuführst. Wie viel Energie steckt grob in Gewichtsverlust? Es gibt bekannte Faustregeln – und gleichzeitig gute Gründe, sie nicht zu wörtlich zu nehmen (weil Wasser, Glykogen und auch fettfreie Masse mit reinspielen).
Eine wissenschaftliche Einordnung zeigt, dass starre Regeln wie „X kcal pro kg“ je nach Ausgangslage und Zusammensetzung des Gewichtsverlusts variieren können.[^3] In Studien wird als vereinfachte Näherung aber oft mit Größenordnungen um ~7.700 kcal pro kg gerechnet.[^4]
Eine praktische Rechnung (nur als grobe Orientierung):
- Wenn du im Schnitt 300 kcal Defizit pro Tag erreichst, sind das 2.100 kcal/Woche.
- Das ist eher „langsam, aber machbar“ – und meist besser durchzuhalten als Crash-Diäten.
EMS kann dabei helfen, Training konsistenter zu machen (kurz, planbar) und Muskeln zu erhalten/aufzubauen – was fürs Abnehmen oft unterschätzt wird.
3) Was sagen Reviews/Studien zur Körperzusammensetzung?
Die Forschung ist insgesamt gemischt – je nachdem, wer trainiert (untrainiert vs. trainiert), wie EMS umgesetzt wird und ob Ernährung/Protein mitgedacht wird.
- Ein systematisches Review und eine Meta-Analyse mit 16 Studien und insgesamt 897 Teilnehmenden untersuchte WB‑EMS in nicht-athletischen Gruppen.[^5] (Ergebnis: Effekte variieren; insgesamt eher moderat und abhängig vom Setting.)
- Eine RCT mit moderat trainierten Männern berichtet eher kleine Effekte auf Fett, aber tendenziell Erhalt von fettfreier Masse.[^6]
- In einem speziellen Kontext (sarkopenische Adipositas, häufig mit Protein-Supplementation) zeigte eine Meta-Analyse u. a. eine zusätzliche Verbesserung bei Körperfett% und Taillenumfang – aber das ist nicht 1:1 „Fitness-Teen will abnehmen“.[^7]
Kurz gesagt: EMS kann unterstützen, vor allem über Muskelreiz/Compliance – aber als „Alleinlösung“ fürs Abnehmen ist es oft überschätzt.
Die ehrliche Pro-und-Contra-Liste
Vorteile
- Zeiteffizienz: Kurze Einheiten, gut in einen vollen Alltag integrierbar.[^8]
- Starker Muskelreiz: Viele empfinden schnell ein intensives Muskelgefühl (kann Motivation pushen).
- Muskelerhalt beim Abnehmen: Muskelreiz ist ein Plus, wenn du im Defizit bist (nicht automatisch, aber günstige Voraussetzung).
- Trend & Infrastruktur: EMS ist in Deutschland ein etablierter Nischenmarkt mit >1.400 Anlagen und einem Segmentumsatz von rund 210 Mio. € (2023) laut Branchenbericht.[^9]
Nachteile
- Abnehmen wird oft zu viel versprochen: „20 Minuten“ ersetzen nicht Ernährung und Bewegungsalltag.
- Qualität hängt extrem vom Studio/Coaching ab: Einstellung der Intensität ist entscheidend.
- Kosten: EMS ist meist deutlich teurer als normales Gym-Training.[^10]
- Risiko bei falscher Dosierung: Zu hart, zu schnell, zu oft = potenziell problematisch.
Risiken & Sicherheit: Worauf du wirklich achten musst
EMS ist nicht automatisch gefährlich – aber es ist leicht zu übertreiben, weil die Einheit kurz ist und „nur ein bisschen kribbelt“ harmlos klingt.
Es gibt dokumentierte Fälle von Rhabdomyolyse (schwerer Muskelschaden) nach einer einzelnen WB‑EMS‑Einheit, besonders wenn untrainiert/ungewohnt und zu intensiv trainiert wird.[^11]
Eine sehr praktische, alltagsnahe Regel: langsam steigern und nicht auf eigene Faust experimentieren. Ein medizinisches Gesundheitsportal formuliert es deutlich:
„Braumann rät davon ab, EMS-Geräte […] auf eigene Faust zu Hause zu probieren.“[^12]
Zusätzliche Basics, die oft unterschätzt werden:
- Hydration ernst nehmen (du belastest viel Muskulatur gleichzeitig).[^12]
- Genug Regeneration: EMS ist kein „jeden Tag geht schon“-Tool.
- Warnzeichen respektieren: Extrem starker Muskelkater, ungewöhnliche Schwäche, dunkler Urin → medizinisch abklären.[^11]
Praktische Tipps: So nutzt du EMS sinnvoll fürs Abnehmen
1) Stell EMS in dein „Abnehm-System“, nicht darüber
Dein Setup sollte so aussehen:
- Ernährung: moderates Defizit, genug Protein, genug Gemüse/Volumen.
- Alltag: Schritte/Bewegung (NEAT) hoch halten.
- Training: Kraft + (optional) Ausdauer – EMS kann eine Kraft-Komponente sein.
2) Intensität: „hart“, aber nicht „zerstörerisch“
Gute Studios arbeiten mit subjektiver Belastung und steigern über Wochen. Achte darauf, dass du nicht direkt in Session 1 „Maximalstrom“ bekommst.
Eine sinnvolle Orientierung:
- Erste 2–4 Wochen: Technik + Gewöhnung, konservative Intensität
- Danach: langsam steigern, aber immer kontrollierbar
3) Frequenz: Weniger ist oft mehr
Für viele reicht 1 Einheit/Woche (manchmal 2, je nach Programm). Entscheidend ist, dass du zwischen den Einheiten wirklich regenerierst.
4) Kombiniere EMS mit „normalem“ Krafttraining, wenn du kannst
EMS kann ein Kick sein – aber freie Gewichte/Körpergewichtstraining bringen dir:
- bessere Bewegungskompetenz,
- progressive Überladung (planbar),
- Sportlichkeit, die über das EMS-Studio hinausgeht.
5) Mach den Realitätscheck mit einer Mini-Rechnung
Nimm die Studie mit ~60 kcal Mehrverbrauch im 16‑Minuten-Setting als Größenordnung.[^1] Über 10 Wochen à 1 Einheit wären das grob:
- 10 × 60 kcal = 600 kcal zusätzlich
Das zeigt: Der „Bonus“ ist nett – aber das Abnehmen kommt vor allem über dein Gesamtsystem (Ernährung + Aktivität + Training), nicht über den Strom.
Trends & Entwicklungen: Warum EMS gerade (wieder) so präsent ist
- Zeitmangel-Training ist ein Mega-Trend: kurze, strukturierte Einheiten passen zu Schule, Uni, Job, Content-Alltag.
- Boutique-Fitness wächst: EMS positioniert sich als „Premium, 1:1, effizient“.
- Marktdaten Deutschland: Ein Branchenüberblick nennt >1.400 EMS-Anlagen und einen Segmentumsatz von rund 210 Mio. € netto (2023); der durchschnittliche Bruttobeitrag lag bei 100,74 € pro Monat.[^9]
Das erklärt, warum du EMS überall siehst: Es ist für Studios wirtschaftlich attraktiv – und für viele Kund:innen planbar.
Fazit
EMS kann beim Abnehmen helfen – vor allem, weil es zeiteffizient ist, einen starken Muskelreiz setzt und (richtig dosiert) deine Trainingsroutine stabilisieren kann. Die Forschung zeigt aber auch: Der Effekt auf Fettverlust ist nicht automatisch riesig, und die größten Hebel bleiben Ernährung, Gesamtaktivität und ein sinnvoll aufgebautes Training. Wenn du EMS nutzt, dann smart: langsam steigern, genug regenerieren und nicht auf Werbeversprechen hereinfallen.
Quellen (Referenzen)
[^1]: Kemmler, W. et al. Effect of whole-body electromyostimulation on energy expenditure during exercise. PubMed (2012). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22158139/
[^2]: Kemmler, W. et al. Short time effect of a single session of intense whole-body electromyostimulation on energy expenditure. PubMed (2017). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29253351/
[^3]: Hall, K. D. What is the required energy deficit per unit weight loss? International Journal of Obesity (2008). https://www.nature.com/articles/0803720
[^4]: Johannsen, D. L. et al. Does metabolic compensation explain… (nutzt u. a. die „7700 kcal/kg“-Regel als Berechnungsannahme). PubMed (2012). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22825659/
[^5]: Wirtz, N. et al. Efficacy of Whole-Body Electromyostimulation (WB-EMS) on Body Composition and Muscle Strength in Non-athletic Adults: A Systematic Review and Meta-Analysis. PubMed (2021). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33716787/
[^6]: Hu, M. et al. Effects of whole-body electromyostimulation training… in moderately trained males: randomized controlled study. Frontiers in Public Health (2022). https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpubh.2022.982062/full
[^7]: Li, Y. et al. Effects of WB-EMS and protein supplementation…: A meta-analysis of randomized controlled trials. PubMed (2022). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35798137/
[^8]: BARMER. EMS-Training: Wie effektiv ist es beim Muskelaufbau? (Hintergrund/Einordnung). https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/sport/bewegung-und-fitness/ems-training-1071434
[^9]: fitnessmanagement.de. EMS-Training boomt: Zahlen und Fakten zum deutschen EMS-Markt (Eckdaten/Studie 2024, Zahlen für 2023). https://www.fitnessmanagement.de/ems-markt-zukunftsmarkt-potenzial-eckdaten-studie-2024/
[^10]: Runner’s World Deutschland. EMS-Training: Effizient und zeitsparend trainieren (Kosten/Einordnung). https://www.runnersworld.de/krafttraining-stretching/ems-training/
[^11]: Nielsen, T. S. et al. Rhabdomyolysis in a young woman after whole-body electromyostimulation training. PubMed (2023). https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37873991/
[^12]: Apotheken Umschau. EMS: Fit durch elektrische Muskelstimulation? (Sicherheits- und Praxis-Hinweise, Zitat). https://www.apotheken-umschau.de/gesund-bleiben/sport-und-bewegung/ems-fit-durch-elektrische-muskelstimulation-713567.html


