Du siehst es überall: Shake, Riegel, Reiswaffeln – direkt nach dem Training, am besten „innerhalb von 30 Minuten“, sonst angeblich „umsonst trainiert“. Gleichzeitig tracken immer mehr Leute Training und Ernährung mit Technik: Laut ACSM besitzen etwa 36–44 % der Erwachsenen Wearables – und Fitness-Apps wurden 2023 laut ACSM in einer Größenordnung von 850 Millionen Downloads genutzt. Das ist spannend, weil es zeigt: Wir optimieren heute gern alles. Aber bei „Kohlenhydrate nach dem Training“ ist Optimierung oft weniger Magie – und mehr Kontext.
Die kurze Wahrheit: Manchmal sind Kohlenhydrate nach dem Training richtig sinnvoll. Manchmal sind sie komplett überbewertet. Und manchmal geht’s eher um Alltag, Hunger, Schlaf und ob du später nochmal Gas geben willst.
Was genau sollen Kohlenhydrate nach dem Training „bewirken“?
Wenn du trainierst, verbrauchst du Energie. Je nach Intensität und Dauer kommt die vor allem aus:
- Muskelglykogen (gespeicherte Kohlenhydrate in der Muskulatur)
- Leberglykogen (stabilisiert u. a. deinen Blutzucker)
- Fett (mehr bei niedrigerer Intensität und längerer Dauer)
Kohlenhydrate nach dem Training haben im Kern drei Jobs:
- Glykogenspeicher auffüllen (wichtig, wenn bald wieder Training ansteht)
- Regeneration erleichtern (du fühlst dich schneller „wieder normal“, vor allem nach langen/arten Einheiten)
- Training + Essen praktikabel machen (du bekommst leichter Kalorien rein, wenn du z. B. zunehmen willst oder einfach oft trainierst)
Wichtig: Für Muskelaufbau sind Kohlenhydrate nicht automatisch der „Schlüssel“. Der zentrale Hebel bleibt: genug Protein und genug Energie über den Tag. Carbs können das unterstützen (z. B. indem du härter trainieren kannst), aber sie sind nicht der einzige Auslöser von Fortschritt.
„Anaboles Fenster“: Mythos, Missverständnis oder doch ein bisschen wahr?
Ich hab’s selbst ausprobiert: eine Zeit lang nach jedem Training hektisch Carbs „reingedrückt“, weil ich Angst hatte, sonst was zu verpassen. Ergebnis? Im Alltag hat es sich oft eher nach Stress angefühlt als nach „Biohacking“.
Was die Sporternährungs-Literatur seit Jahren ziemlich konsistent sagt: Dieses superenge 30-Minuten-Fenster ist in vielen Fällen übertrieben. Wenn du vorher gegessen hast und über den Tag genug Protein/Energie reinbekommst, ist der exakte Zeitpunkt oft weniger dramatisch, als Fitness-Mythen es verkaufen (das wird z. B. in Reviews zum Nutrient Timing diskutiert).
Aber: Es gibt ein „Fenster“, nur ist es größer und kontextabhängig. Wenn du schnell wieder leistungsfähig sein musst (z. B. zwei Einheiten am Tag, Turnier, harte Ausdauerblöcke), dann wird Timing deutlich wichtiger – vor allem fürs Auffüllen von Glykogen.
Wann Kohlenhydrate nach dem Training wirklich sinnvoll sind (und wann nicht)
1) Du trainierst Ausdauer lang oder hart (oder beides)
Nach langen, intensiven Ausdauereinheiten ist der Kohlenhydratbedarf oft offensichtlich: du bist leer, platt, manchmal richtig „durch“. In solchen Fällen helfen Carbs nach dem Training, weil du damit schneller wieder auf ein gutes Energielevel kommst.
Ein praxisnaher Richtwert aus Sporternährungs-Empfehlungen: Bei langen Einheiten (z. B. >90 Minuten) werden oft 30–60 g Kohlenhydrate pro Stunde während der Belastung genannt – nicht nur danach. Das sagt indirekt auch: Wenn du im Training schon ordentlich KH brauchst, ist es logisch, dass die Regeneration danach davon profitiert.
2) Du hast am selben Tag (oder sehr früh am nächsten) noch eine Einheit
Hier wird’s konkret – und hier sind Carbs nach dem Training am wenigsten „Mythos“.
Ein oft zitierter Ansatz aus Position-Statements: Wenn du schnelle Wiederauffüllung brauchst (Recovery-Zeit <4 Stunden), sind aggressive Carbs sinnvoll – z. B. bis etwa 1,2 g Kohlenhydrate pro kg Körpergewicht und Stunde.
Rechenbeispiel (nur Mathe, keine Magie):
- Du wiegst 70 kg
- 1,2 g/kg/h → 84 g Kohlenhydrate pro Stunde
- Für 3 Stunden Recovery-Fokus → 252 g Kohlenhydrate über diese Zeit verteilt
Das ist viel. Und genau daran merkst du: Diese Strategie ist eher für „zwei harte Einheiten/Tag“, Trainingslager, Spieltage, Turniere – nicht für „3x die Woche Gym“.
3) Du machst sehr volumenlastiges Krafttraining
Bei normalem Krafttraining (ein paar Sätze pro Muskelgruppe) ist Carbtiming oft nicht der Gamechanger. Eine neuere systematische Übersichtsarbeit kommt grob auf den Punkt: Carbs verbessern Krafttrainings-Performance in einem „normal gefütterten“ Zustand häufig nicht, außer bei sehr hohem Volumen, sehr langen Sessions oder wenn die Vergleichsgruppe nüchtern war.
Heißt für dich:
- „Beine zerstört, 20+ harte Arbeitssätze“ → Carbs danach können sich lohnen, vor allem wenn du bald wieder trainierst.
- „Solide Ganzkörpereinheit, 60 Minuten“ → Carbs sind okay, aber nicht zwingend „Pflicht“.
4) Du diätest hart (Kaloriendefizit)
Hier ist der Punkt weniger „Glykogen“ und mehr „Durchhalten“:
- Carbs können Hunger, Stimmung und Schlaf beeinflussen (indirekt auch Training).
- Post-Workout Carbs helfen manchen, nicht später zu eskalieren (Snack-Angriff abends).
Ich hab das in Diätphasen gemerkt: Wenn ich nach dem Training gar nichts plane, lande ich später eher bei „alles was da ist“. Ein geplanter, kohlenhydratbetonter Post-Workout-Snack war für mich weniger „Optimierung“ und mehr „Schadensbegrenzung“.
Die wichtigsten Zahlen, die du dir merken kannst
- 1,2 g Kohlenhydrate/kg/Stunde: sinnvoll, wenn du extrem schnell regenerieren musst (z. B. <4 h bis zur nächsten Einheit).
- 30–60 g Kohlenhydrate/Stunde: typischer Bereich, der bei längeren intensiven Ausdauereinheiten als sinnvoll genannt wird (Performance/Vermeidung von Einbruch).
- 10 g Kohlenhydrate/kg Körpergewicht in 12 Stunden (sehr hohe Zufuhr): In einer aktuellen Studie mit gut trainierten Radfahrern wurden damit Leberglykogenspeicher innerhalb von 6 Stunden wieder aufgefüllt, während Muskelglykogen trotz der hohen Menge innerhalb von 12 Stunden nicht komplett zurück war. Das zeigt zwei Dinge: (1) Carbs helfen klar. (2) „Mehr und sofort“ ist nicht automatisch „sofort alles voll“.
Vorteile vs. Nachteile – ehrlich aus der Praxis
Vorteile (wenn’s zu deinem Training passt)
- Du fühlst dich schneller wieder leistungsfähig, vor allem nach langen/arten Einheiten.
- Bessere Trainingsqualität in der nächsten Session, wenn die Pause kurz ist.
- Einfacher genug Kalorien reinzubekommen, wenn du viel trainierst (Massephase/Team-Sport).
- Mentaler Reset: Nach hartem Training sind Carbs für viele „beruhigend“ – du kommst schneller aus dem Alarmmodus.
Nachteile (wenn du’s blind machst)
- Du überschätzt Timing und unterschätzt den Tag: Wenn die Tagesbilanz nicht passt, rettet dich kein Post-Workout-Toast.
- Extra-Kalorien ohne Plan: „Ich hab trainiert, also gönn ich“ – kann in einer Diät schnell kippen.
- Magen/Darm: Direkt nach intensiven Einheiten vertragen manche große Carb-Mengen schlecht (besonders sehr süße Sachen).
- Mythen-Stress: Wenn du glaubst, du musst sofort essen, wird Training unnötig kompliziert.
Praktische Tipps: So nutzt du Carbs nach dem Training verantwortungsvoll
1) Stell dir 3 Fragen (und entscheide dann)
- Wann trainiere ich wieder? (heute noch / morgen früh / erst in 48 h)
- Wie war die Einheit? (lang/ausdauernd, sehr intensiv, sehr volumenlastig?)
- Was ist mein Ziel? (Leistung, Muskelaufbau, Fettverlust, Wohlbefinden?)
Faustregel:
- Zweite Einheit bald → Carbs nach dem Training werden wichtiger.
- Keine zweite Einheit & du isst normal → Fokus auf eine normale Mahlzeit, Timing entspannt.
2) Kombi schlägt Chaos: Carbs + Protein als „Standard-Lösung“
Wenn du es simpel halten willst:
- Protein als fixer Baustein nach dem Training (für Muskelreparatur/MPS)
- Carbs je nach Bedarf dazu (für Energie/Glykogen/Alltag)
Das fühlt sich in der Praxis oft besser an als „nur Carbs“ oder „nur Shake“.
3) Wähle Carbs nach Verträglichkeit, nicht nach Dogma
Direkt nach hartem Training funktioniert bei vielen:
- eher leicht verdaulich (z. B. Brot, Reis, Banane, Saftschorle) Später am Tag:
- eher sättigend (z. B. Kartoffeln, Hafer, Vollkorn, Hülsenfrüchte)
4) Wenn du’s genau willst: Periodisiere Carbs statt sie zu verteufeln
Ein moderner Trend in der Sporternährung ist Carbs nicht als „gut/böse“ zu sehen, sondern als Tool:
- High-Carb rund um harte oder lange Einheiten
- Moderater an lockeren Tagen
- Low-Carb nicht als Religion, sondern als Phase – wenn es zu deinem Sport passt
Und ja: Wearables/Apps (und inzwischen auch Sensoren, die Glukose anzeigen) pushen diesen Trend, weil Leute Ernährung stärker mit Training koppeln.
Fazit (kurz und ohne Drama)
Kohlenhydrate nach dem Training sind weder Pflicht noch Quatsch. Sie sind ein Werkzeug. Wenn du bald wieder trainierst, lange/hart Ausdauer machst oder extrem hohe Umfänge hast, sind Carbs nach dem Training ziemlich klar „nötig“. Wenn du „normal“ Krafttraining machst, ausreichend isst und nicht in Zeitnot bist, ist der Mythos meist größer als der Effekt: Dann zählt eher deine Tagesbilanz – und dass Ernährung in dein Leben passt.
Sources:
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) – Kohlenhydrate in der Sporternährung
- Gesundheit.gv.at – Ausdauersport und Ernährung (Kohlenhydrate, Empfehlungen)
- DEB RTK – Ernährung (Regenerationsgetränke, Kohlenhydratmengen nach Belastung)
- International Society of Sports Nutrition – Position Stand: Nutrient Timing (2017)
- Aragon & Schoenfeld (2013) – Nutrient timing revisited: is there a post-exercise anabolic window?
- Thomas, Erdman, Burke et al. (2016) – Nutrition and Athletic Performance (ACSM/AND/DC)
- PubMed – Carbohydrate intake of 10 g/kg body mass… (Journal of Physiology, 2025)
- PMC – The Effect of Carbohydrate Intake on Strength and Resistance Training Performance: A Systematic Review (2022)
- ACSM – Announces Top Fitness Trends for 2025 (inkl. App-Download-Zahlen)
- ACSM – Fitness Trends (Wearables: 36–44% Ownership, Marktprojektion)

