Die kurze Antwort: Schröpfen (Cupping) kann nach dem Sport das Schmerzempfinden und die gefühlte Beweglichkeit etwas verbessern. Die Studien dazu sind aber klein und oft methodisch schwach. Meist wurde Cupping nur mit „gar nichts tun“ verglichen. Eine bessere Leistung oder eine schnellere körperliche Erholung ist nicht verlässlich belegt. Wenn du Cupping ausprobieren willst, sieh es als Ergänzung für dein Wohlbefinden. Es ersetzt keine Grundlagen wie Schlaf, Essen und eine sinnvolle Trainingsplanung.
Was beim Schröpfen passiert
Beim Schröpfen setzt man Glas-, Kunststoff- oder Silikonglocken auf die Haut. Ein Unterdruck saugt Haut und Gewebe in die Glocke. Im Sport wird fast immer trockenes Schröpfen genutzt, also ohne Ritzen der Haut. Beim nassen Schröpfen wird die Haut vorher angeritzt, und es tritt Blut aus.
Die typischen runden Flecken sind Blutergüsse unter der Haut. Sie gehen meist nach einigen Tagen weg. Das US-Gesundheitsinstitut NCCIH weist darauf hin, dass du die Flecken bei Arztbesuchen erklären solltest. Sonst hält man sie womöglich für Verletzungen anderer Art (NCCIH).
Bekannt wurde Cupping im Sport vor allem 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio. Damals waren die Flecken auf dem Rücken von Schwimmer Michael Phelps gut zu sehen (PCOM Library). Dass Profis eine Methode nutzen, sagt allerdings noch nichts darüber aus, ob sie wirkt.
Was die Forschung zeigt
Systematische Übersicht bei Sportlerinnen und Sportlern
Die wichtigste Arbeit speziell zum Sport ist ein systematisches Review von Bridgett und Kollegen aus dem Jahr 2018. Darin stecken 11 randomisierte Studien mit zusammen 498 Teilnehmenden, zum Beispiel aus Fußball, Handball, Schwimmen und Leichtathletik (Bridgett et al., 2018; Zusammenfassung UTS).
- Berichtete Vorteile: weniger Schmerz und Beeinträchtigung, mehr Beweglichkeit und niedrigere Kreatinkinase-Werte im Blut. Kreatinkinase ist ein Marker für Muskelbelastung.
- Das Problem: Verglichen wurde meist mit Gruppen, die gar nicht behandelt wurden. Die meisten Studien hatten ein unklares oder hohes Verzerrungsrisiko. Keine einzige Studie hat die Sicherheit untersucht.
- Das Fazit der Autorinnen und Autoren: Man kann weder eine klare Empfehlung für noch gegen Cupping im Sport aussprechen.
Neuere Übersichtsarbeiten
- Ein Review von Mohamed, Zhang und Jan (2023) zu Muskel-Skelett- und Sportreha fand niedrige bis mittlere Evidenz dafür, dass Cupping Schmerzen lindern kann. Ob es die Muskelerholung nach Training und Wettkampf verbessert, bleibt laut den Autoren aber unklar (Mohamed et al., 2023).
- Eine Umbrella-Review von 2024 hat 21 systematische Reviews mit etwa 28.000 Teilnehmenden ausgewertet. Die Sicherheit der Ergebnisse war überwiegend niedrig bis sehr niedrig. Die Autorinnen und Autoren sehen nicht genug Belege, um Cupping für Sportlerinnen und Sportler zu empfehlen (ElMeligie et al., 2024). Die Arbeit ist in sich nicht ganz stimmig: Bei den Ergebnissen schneidet Cupping besser ab als passive Vergleiche, im Fazit klingt das deutlich skeptischer.
Eine aktuelle Einzelstudie zum Muskelkater
2025 testete eine Studie mit 55 jungen Männern verschiedene Saugstärken. Sie bekamen direkt nach einem Training 10 Minuten Cupping. Nach 24 Stunden gaben die Cupping-Gruppen deutlich weniger Schmerz an als die Kontrollgruppe. Je stärker der Unterdruck, desto größer war der Effekt (Song et al., 2025).
Das klingt eindeutig, hat aber Grenzen. Pro Gruppe gab es nur 11 Personen. Es gab keine Schein-Behandlung, also kein „Placebo-Cupping“. Und gemessen wurde nur bis 24 Stunden nach dem Training. Muskelkater erreicht seinen Höhepunkt aber oft erst später.
Einordnung: Was das für dich bedeutet
Gut belegt ist:
- Cupping hinterlässt sichere Spuren auf der Haut, aber keine sicher nachgewiesene Leistungssteigerung.
- Die meisten Studien sind klein, und Vergleiche mit einer Schein-Behandlung fehlen weitgehend.
Möglich, aber unsicher ist:
- Weniger gefühlter Muskelkater und etwas mehr Beweglichkeit für kurze Zeit.
- Ein Teil davon kann auf Erwartung, Zuwendung und Entspannung zurückgehen. Das ist nicht „eingebildet“, aber auch kein Beleg für eine besondere Wirkung im Gewebe.
Nicht belegt sind:
- „Entgiftung“, „Lösen von Schlacken“ oder ein schnellerer Muskelaufbau. Für solche Aussagen gibt es in den genannten Reviews keine Grundlage.
Ein Kommentar der Oklahoma Medical Research Foundation fasst es so zusammen: Bei subjektiven Werten wie dem Muskelkater gibt es eher Hinweise auf eine Wirkung. Bei objektiven Werten wie Leistung oder Erholungsmarkern ist die Evidenz deutlich schwächer (OMRF).
Risiken und Nebenwirkungen
Laut NCCIH kann Schröpfen folgende Nebenwirkungen haben (NCCIH):
- anhaltende Verfärbungen der Haut, Narben, Verbrennungen (vor allem beim Feuerschröpfen) und Infektionen
- eine Verschlechterung von Ekzemen oder Schuppenflechte
- selten ernste Folgen, etwa Blutarmut nach häufigem nassem Schröpfen
- die Übertragung von Krankheiten wie Hepatitis B und C, wenn Glocken ohne Sterilisation bei mehreren Personen benutzt werden
In den Übersichtsarbeiten tauchen außerdem Blutergüsse, Schmerzen an der behandelten Stelle, Kribbeln und Schwindel auf. Viele Reviews haben Nebenwirkungen allerdings gar nicht systematisch erfasst (ElMeligie et al., 2024).
Bitte vorher ärztlich abklären, wenn du schwanger bist, Bluthochdruck oder eine Herzerkrankung hast, Blutverdünner nimmst, eine Gerinnungsstörung oder Hauterkrankung hast oder unklare Schmerzen spürst. Das ist keine vollständige Liste von Gegenanzeigen. Es sind Situationen, in denen eine Fachperson deinen Einzelfall beurteilen sollte. Akute Verletzungen wie Zerrungen oder Prellungen gehören zuerst in ärztliche Hände, nicht unter die Schröpfglocke.
Checkliste: Passt Cupping zu dir?
Diese Fragen können dir bei der Entscheidung helfen. Sie beruhen auf der oben beschriebenen Studienlage:
- Was ist dein Ziel? Willst du dich vor allem wohler fühlen, ist ein Versuch vertretbar. Geht es dir um messbar mehr Leistung, spricht die Evidenz nicht dafür.
- Bist du gesund und unverletzt? Wenn nicht, sprich zuerst mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Physiotherapeutin.
- Wer behandelt dich? Achte auf hygienisch saubere oder eigene Glocken und auf eine fachkundige Person. Nasses Schröpfen gehört nicht in Eigenregie.
- Stehen bald Wettkämpfe oder Fotos an? Die Flecken können mehrere Tage sichtbar bleiben.
- Stimmen die Grundlagen? Schlaf, ausreichend Energie und Eiweiß, genug Flüssigkeit und vernünftige Belastungssteigerung haben für die Regeneration mehr Gewicht als jedes Recovery-Tool.
Vergleich mit anderen Recovery-Methoden
Cupping ist eins von vielen Recovery-Tools, und bei keinem davon ist die Evidenz sehr stark. Wenn du Alternativen vergleichen willst, findest du hier Einordnungen zu Wechselduschen nach dem Sport und zur Sauna nach dem Training. Nach langen oder heißen Einheiten lohnt sich oft eher ein Blick auf deinen Flüssigkeitshaushalt: Elektrolyte beim Sport – wann du sie wirklich brauchst.
Fazit
Schröpfen nach dem Sport ist kein Wundermittel, aber auch nicht sicher wirkungslos. Die Studien deuten darauf hin, dass sich Muskelkater und Beweglichkeit subjektiv etwas bessern können. Sie sind aber klein, oft verzerrt und fast nie mit einer Schein-Behandlung verglichen. Für bessere Leistung oder schnellere körperliche Erholung gibt es keine verlässlichen Belege. Wenn du gesund bist, kann ein hygienisch sauberer Versuch ein vertretbares Extra für dein Wohlbefinden sein. Bei Vorerkrankungen, Medikamenten, Schwangerschaft oder Schmerzen solltest du vorher fachlichen Rat einholen.
Quellen
- Bridgett R, Klose P, Duffield R, Mydock S, Lauche R. Effects of Cupping Therapy in Amateur and Professional Athletes: Systematic Review of Randomized Controlled Trials. J Altern Complement Med. 2018;24(3):208–219. doi.org/10.1089/acm.2017.0191
- Mohamed AA, Zhang X, Jan Y-K. Evidence-based and adverse-effects analyses of cupping therapy in musculoskeletal and sports rehabilitation. J Back Musculoskelet Rehabil. 2023;36(1):3–19. doi.org/10.3233/BMR-210242
- ElMeligie MM et al. Effectiveness of cupping therapy for musculoskeletal pain: an umbrella review. Human Movement. 2024;25(4):28–43. hummov.awf.wroc.pl
- Song et al. Effects of different negative pressure cupping interventions on inflammatory response and motor function recovery in delayed onset muscle soreness. Front Sports Act Living. 2025. doi.org/10.3389/fspor.2025.1622688
- National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Cupping. nccih.nih.gov/news/cupping
- Oklahoma Medical Research Foundation: Beitrag zu Cupping. omrf.org/tag/cupping



