Knie zwickt beim Treppensteigen, beim Joggen oder schon beim Aufstehen? Damit bist du nicht allein: Kniearthrose betrifft nach Schätzungen etwa 4 % aller Erwachsenen – und bei Menschen über 60 liegen die Angaben bei ca. 10–15 %. [1] Genau deshalb schauen viele nach „Abkürzungen“ wie EMS: kurz, intensiv, (gefühlt) ohne schwere Gewichte.
EMS – was passiert da eigentlich?
EMS (Elektro-Muskel-Stimulation) bedeutet: Elektroden schicken Impulse durch die Haut, die Muskeln kontrahieren lassen. Wichtig ist die Unterscheidung:
- Lokale EMS/NMES (häufig in Physio/Reha): gezielt z. B. Quadrizeps ansteuern, um nach Verletzung/OP Muskelaktivierung zu verbessern. [2]
- Ganzkörper-EMS (WB-EMS) (typisch Studio/Anzug): mehrere Muskelgruppen gleichzeitig, oft kombiniert mit leichten Bewegungen (z. B. Kniebeuge-Varianten, Ausfallschritt-Patterns, Rumpfübungen). [3]
Die Idee bei Knieproblemen: Wenn Oberschenkelvorderseite (Quadrizeps), Gesäß und Hüftmuskeln besser arbeiten, kann das Knie im Alltag und beim Sport stabiler „geführt“ werden – und manche Beschwerden werden dadurch indirekt besser.
Wann EMS bei Knieproblemen sinnvoll sein kann
1) Wenn dir Kraft fehlt (oder du sie (noch) nicht klassisch trainieren kannst)
Nach Knie-OPs (z. B. Knie-TEP) wird NMES in Studien als zusätzliche Maßnahme untersucht: Eine Meta-Analyse mit 9 randomisierten Studien (insgesamt 691 Personen) fand Verbesserungen der Quadrizeps-Kraft und teils auch Schmerz-/Funktionswerte in bestimmten Zeitfenstern nach der OP. [2]
Das heißt nicht „EMS ersetzt Reha“ – aber es kann in einem Plan ergänzend Sinn ergeben.
2) Wenn du „low impact“ trainieren willst, aber trotzdem Reiz brauchst
Gerade wenn Sprünge, schwere Kniebeugen oder hohe Laufumfänge gerade nicht gehen, kann ein gut dosierter EMS-Reiz ein Weg sein, Muskulatur zu fordern, ohne mechanisch extrem zu belasten. (Der Knackpunkt ist wirklich: Dosis und Kontrolle.) [3]
Wann es riskant werden kann (und warum das Knie dabei indirekt leidet)
1) Zu hart, zu früh: Muskelüberlastung bis hin zu Rhabdomyolyse
WB-EMS kann – vor allem bei Einsteiger:innen – sehr hohe muskuläre Belastung erzeugen. In einer Studie mit 26 sportlichen, aber WB-EMS-unerfahrenen Personen führte ein intensives erstes WB-EMS-Training zu einem 117-fachen Anstieg der Creatinkinase (CK) im Mittel (Peak nach 72–96 h). [4]
Das ist der Grund, warum Sicherheitsleitlinien so stark auf eine Eingewöhnungsphase pochen. [3]
2) Schlechte Betreuung/„Gruppen-EMS“ ohne enges Monitoring
Bei WB-EMS ist saubere Supervision zentral, weil der Reiz „von außen“ kommt und du dich leichter überschätzen kannst. Eine internationale, aktualisierte Empfehlung betont deshalb enge Aufsicht und rät sogar klar von un- oder fernüberwachtem WB-EMS ab. [3]
3) Das Knieproblem ist strukturell/akut – und EMS lenkt dich nur ab
Wenn dein Knie z. B. blockiert, wegknickt, stark anschwillt, warm/rot wird oder du einen frischen Dreh-/Sturzmechanismus hattest, ist „mehr Training“ (egal ob EMS oder nicht) oft nicht die erste Baustelle. EMS kann dann dazu führen, dass du über Warnzeichen drübertrainierst – und das rächt sich.
Pro & Contra im Überblick
Pluspunkte (unter guten Bedingungen):
- Zeiteffizient und gut steuerbar, wenn professionell dosiert. [3]
- Kann als Ergänzung Muskelaktivierung/Kraft unterstützen (für NMES in Reha-Kontexten gibt es Evidenz je nach Setting). [2]
- Für manche angenehmer als schwere Gewichte – psychologisch kann das helfen, überhaupt wieder zu belasten. [3]
Minuspunkte (typische Fallen):
- Hohe muskuläre Belastung möglich, besonders bei Anfänger:innen; CK kann stark ansteigen. [4]
- Qualität hängt extrem von Betreuung, Protokoll und Progression ab. [3]
- Löst keine Ursachen wie Fehltechnik, Überlastungssteuerung, Mobility-/Koordinationsdefizite automatisch.
Praktische Tipps: So nutzt du EMS knie-freundlich und verantwortungsvoll
Wenn du WB-EMS im Studio machst
Orientier dich an Sicherheits-Empfehlungen aus der internationalen Guideline:
- Betreuung: ideal 1:1, im nichtmedizinischen Bereich maximal 1:2. [3]
- Einstieg: in den ersten 8–10 Wochen nicht „ballern“; die Guideline empfiehlt in dieser Phase maximal 1 Session à 20 Minuten pro Woche. [3]
- Pausen: nach der Eingewöhnung mindestens 4 Tage Abstand zwischen intensiven Einheiten (≥ 7/10 auf Borg CR10) einplanen. [3]
- Vorbereitung: kein Alkohol/keine Drogen/kein „total gestresst & übermüdet“ kurz vorher; bei Fieber/Infekt ist WB-EMS tabu. [3]
- Fuel & Flüssigkeit: eine leichte carb-lastige Kleinigkeit (≈ 250 kcal) etwa 2 Stunden vorher; zusätzlich 250–500 ml trinken 30 Minuten vor und direkt nach der Session (jeweils). [3]
Knie-spezifisch: Übungen und Einstellungen
- Starte mit Bewegungen, die dein Knie nicht tief und schmerzhaft beugen müssen (z. B. Hüftscharnier-Patterns, leichte Squat-Varianten in schmerzarmem ROM, Glute-Fokus).
- Lass die Intensität so wählen, dass du die Bewegung sauber halten kannst (kein „Zittern bis Technik zerfällt“).
- Priorisiere Muskeln, die dem Knie oft helfen: Quadrizeps (v. a. kontrolliert), Gluteus, Wade – aber ohne das Knie über aggressive Winkel zu zwingen.
Warnzeichen nach EMS, die du ernst nimmst
Die Guideline nennt u. a. cola-farbenen Urin (Hämaturie/„dark urine“) und anhaltende starke Beschwerden als Gründe für medizinische Abklärung. [3]
Trends & aktuelle Entwicklung: EMS wird regulierter und digitaler
Ein Trend ist: mehr Regeln, mehr Standards – gerade weil EMS außerhalb medizinischer Settings genutzt wird. In Deutschland fällt die NiSV u. a. auch auf „Anlagen zur elektrischen Nerven- und Muskelstimulation (zum Beispiel zum Muskelaufbau in Sportstudios)“. [5]
„Anlagen zur elektrischen Nerven- und Muskelstimulation (zum Beispiel zum Muskelaufbau in Sportstudios)“ [5]
Parallel geht der Trend in Richtung smarter, teils app-gestützter Elektrotherapie: In einer (nicht-WB-EMS-) Studie zur app-basierten NMES bei Kniearthrose zeigte eine therapietreue Teilgruppe über einen Zeitraum eine deutlich stärkere Schmerzbesserung (z. B. 64,7 % vs. 24,3 % in einem Vergleich). [6] Das ist spannend – aber es ist ein anderes Setting als das klassische „20 Minuten WB-EMS im Studio“.
Fazit: sinnvoll oder riskant?
Sinnvoll kann EMS bei Knieproblemen sein, wenn es gezielt eingesetzt wird: als Ergänzung, mit guter Betreuung, realistischer Progression und einem Plan, der dein Knieproblem ernst nimmt. Riskant wird es vor allem dann, wenn du zu früh zu hoch dosierst, zu oft trainierst oder ohne enge Supervision „durchziehst“ – denn WB-EMS kann deinen Körper stärker stressen, als es sich während der Einheit anfühlt. [3][4]
Quellen
- gesund.bund.de – „Kniearthrose (Gonarthrose): Behandlung“ (Häufigkeit, Altersangaben): https://gesund.bund.de/kniearthrose-gonarthrose
- Peng L. et al. (2021). Effect of Neuromuscular Electrical Stimulation After Total Knee Arthroplasty: A Systematic Review and Meta-Analysis of RCTs (Frontiers in Medicine). PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34926522/
- Kemmler W. et al. (2023). Position statement and updated international guideline for safe and effective whole-body electromyostimulation training (Frontiers in Physiology). Volltext (PMC): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10075322/
- Teschler M. et al. (2016). (Very) high Creatinkinase concentration after exertional whole-body electromyostimulation application (Gesundheitsrisiken, CK-Anstieg). PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26498468/
- Bundesumweltministerium (BMUKN, FAQ, Stand 11.03.2024): „Für welche Anwendungen gilt die NiSV?“ https://www.bundesumweltministerium.de/faq/fuer-welche-anwendungen-gilt-die-nisv
- Petterson S.C. et al. (2022). A Novel Mobile App-based NMES Therapy for the Management of Knee Osteoarthritis: Extension Study… PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36094457/



